Lob der alten Welt? Moritz Knigge ist kein Nostalgiker. Früher war bestimmt nicht alles besser. Heute auch nicht. Ein Blick ins Gestern, Heute und Morgen.

Im Schlepptau dieses verzweifelten Blicks auf die Welt befindet sich meist ein weiterer jahrhundertealter Gemeinplatz – das Lob der alten Welt.

Früher soll alles besser gewesen sein

  • die Manieren der Jugend,
  • der Zusammenhalt zwischen den Menschen,
  • das Beherrschen allgemeingültiger Umgangsformen
  • die Verantwortung der Unternehmer gegenüber ihren Mitarbeitern,
  • die Kunst der politischen Rede im Parlament,
  • das Verantwortungsbewusstsein der Politiker gegenüber dem Allgemeinwohl,
  • der größere Respekt der Schüler vor ihren Lehrern und Eltern,
  • aber auch der Respekt der Eltern gegenüber den Lehrern ihrer Kinder.

Ausgestorbene Gattungen

  • der Gentleman
  • die Dame
  • intakte Familien
  • ehrbare Kaufleute
  • Lehrer mit natürlicher Autorität
  • faire Sportler*innen

Täglich grüßt der Weltuntergang

  • Finanzkrise
  • Bildungsmisere
  • schmelzende Polkappen
  • Energieknappheit
  • überalterte Gesellschaft
  • gierige Manager
  • überforderte Politiker
  • steigende Arbeitslosigkeit
  • Burnout
  • zerrüttete Familien
  • Menschenrechtsverletzungen
  • fundamentalistische Wirrköpfe
  • weltweite Kriege
  • ungerechte Ressourcenverteilung
  • Pandemien

Ist der Mensch dem Menschen ein Wolfe?

Ja, man kann an dieser Welt zu verzweifeln und sich nach einer besseren sehnen? Das Gute im Menschen? Wo soll das denn, bitte schön, sein? Beweist der Mensch nicht jeden Tag aufs Neue, dass er in seiner Kreatürlichkeit gefangen ist, dass er zu Dingen imstande ist, die weit über das hinausgehen, was wir gerne als das Tier in uns bezeichnen? Tiere laufen aber nicht bis an die Zähne bewaffnet in ihre ehemalige Schule und bringen unschuldige Menschen um, Tiere halten ihre eigene Tochter nicht 24 Jahre gefangen, vergewaltigen sie und lassen sie und die gezeugten Kinder ohne Tageslicht dahinvegetieren, Tiere sind dazu nicht in der Lage, der Mensch schon.Menschen erfinden die wahnwitzigsten Produkte, um Millionen zu scheffeln und wenn zu diesem Zweck „die Oma um die Ecke mit ihrer gesamten Ersparnis hopsgeht, dann ist das halt so!“, wie eine Investmentbankerin das Berufsethos ihrer ehemaligen Kaste kurz und prägnant auf den Punkt brachte. Was soll man denn von einer Spezies erwarten, deren Mitglieder eine Vergewaltigung in einem vollen U-Bahn-Waggon geschehen lassen, ohne einzugreifen? In der quer durch alle Gesellschaftsschichten Kinderpornografie konsumiert wird? Deren Mütter mit ihren halb nackten 18 Monate alten Kindern bei zehn Grad durch die Innenstadt radeln und, nachdem sie von der Polizei zur Rechenschaft gezogen werden, antworten, die eigene Tochter sei ein selbstbestimmtes Wesen und habe sich nicht anziehen wollen?

It's hopeless?

Worin besteht denn die Hoffnung in einer Welt, in der selbst ernannte oder von Gott eingesetzte moralische Gralshüter sich in hässlicher Regelmäßigkeit den Vorwurf des Kindesmissbrauchs gefallen lassen müssen und sich durch das Verbot von Kondomen am Tod von Millionen unschuldiger Menschen mitschuldig machen? In der immer noch Millionen von Menschen Hunger leiden, Kriegen ausgesetzt sind und als Sklaven gehalten werden? Und da soll man nicht verzweifeln? Was verändert sich da, bitte schön, zum Guten? Wenn fast alle Länder dieser Erde Mitglieder der UNO sind und die Allgemeine Erklärung für Menschenrechte unterzeichnet haben, die sie doch jeden Tag mit Füßen treten!Und nun? Kopf in den Sand, Klappe zu, Affe tot? Ab in die Zeitmaschine auf dem Weg in eine glorreiche Vergangenheit? Oder doch einen zweiten verstohlenen Blick auf das geworfen, was eben auch da draußen ist, was eben auch damals war?

Es gibt Hoffnung

  • Tyrannen müssen sich für ihre Verbrechen gegen die Menschlichkeit vor UN-Tribunalen verantworten.
  • Unternehmen stehen zunehmend in der Verantwortung, ihre Waren unter sozialen und ökologischen Standards zu produzieren.
  • Der Leitsatz einer gewaltfreien Erziehung ist nicht mehr zu diskutieren.
  • Verstöße gegen unsere marktwirtschaftliche Ordnung wie Korruption, Preisabsprachen und Kartellbildung nehmen nicht zu, sondern werden härter bestraft als in der Vergangenheit.
  • Arbeitende Mütter gelten nicht länger als Rabenmütter.
  • Politische Alleingänge in einer globalisierten Welt gehen zurück.
  • Restaurants weisen in ihren Speisekarten darauf hin, auf tierquälerische Speisen zu verzichten.
  • Bei Pöbeleien in der U-Bahn greifen in sechs von sieben Fällen couragierte Bürger ein.

Lieber mit einer Brille durch die Gegend laufen, mit der man die rosaroten Farbkleckse in unserer Welt noch sieht, als mit einer, in der die Gegenwart tiefschwarz und die Vergangenheit rosarot erscheinen. Wer sollte einem verbieten, an rosarote Farbkleckse auch zu glauben? Höchstens jene, die gestern noch eine unblutige Revolution in der ehemaligen DDR, den Niedergang der amerikanischen Autoindustrie, einen schwarzen Präsidenten, Biolebensmittel bei Aldi, einen griechischen Fußball-Europameister oder den Zusammenbruch der internationalen Finanzmärkte für unmöglich hielten.

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Schon Adolph Freiherr Knigge wusste: ohne Handkuss kommt man gut durchs Leben. Ohne einander nicht. Meine Mission? Miteinander mehr möglich machen.