Das Zwischenmenschliche ist komplex. Zeit für ein bißchen Ordnung. Konkrete Verhaltensempfehlungen zum Umgang mit Menschen. Gewonnen aus Einsicht und Erfahrung. Zum Mitdenken und Nachmachen empfohlen.

A – Aufstehen

Sitzenbleiben kann jeder. Höfliche Menschen stehen auf, um andere zu begrüßen, um das Fenster zu schliessen, wenn es zieht, um Getränke nachzugießen, oder vergossene aufzuwischen. Und selbstverständlich immer, wenn eine (r) einen Sitzplatz benötigt. Warum auch immer. Das ist und egal, weil wir aufstehen - leicht wie eine Feder. Weil uns Aufstehen keine Mühe sondern Freude macht.

B – Bitte

Wer etwas von seinen Mitmenschen will, der sollte möchten. Denn wenn wir möchten, dann sind da andere, die wollen, was sie vorher sollten. Die sich plötzlich freuen uns einen Gefallen zu tun, weil wir so nett darum gebeten haben und verstanden, dass andere sich ungern für unsere Zwecke ge- und schon gar nicht missbrauchen lassen.Die Bitte öffnet Türen, wenn sie von Herzen kommt und muss leider ewig warten, wenn sie sich als reiner Winkelzug entpuppt.

C – Contenance

Ruhig Blut, sagt man im Deutschen. Und wünscht sich und anderen mehr Gelassenheit. Weil sich Ruhe am Ball auszahlt, auf dem Platz und im Leben. Empörung, Hektik, Lautstärke davon haben wir genug und meist die Schnauze voll.

Weil Aufregung alle wuschig macht und zum Schluss alle am Ende sind. Wer sich nicht reinsteigert muss sich nicht raussteigern, mahnt die alte Dame Contenance. Gelassenheit schont die Nerven und senkt den Blutdruck. Also: chill mal, Wilma.

D – Dank

Und was sagt man? Fragen die Eltern ihr Kind an der Wursttheke. Danke denkt das Kind, während es die Kinderwurst ist. Aber mit vollem Mund soll man ja essen, nicht sprechen. Denkt das Kind weiter. Und hat nicht Unrecht, aber erst gegessen und dann gedacht. Erst kommt die Moral, dann das Essen. Da haben die Eltern recht.Ob mit oder ohne Schinkenwurst bleibt der Dank ein ständiger Bewohner der guten Kinderstube. Danke dafür.

E – Entschuldigung

Schuld ist ein großes Wort. Vielleicht fällt uns die Entschuldigung daher so schwer. Noch ist ja nicht geklärt, wer hier der Schuldiger ist! Obacht? Abwarten! Schliesslich hat der andere angefangen. Das war im Sandkasten und das bleibt im Großraumbüro so.Ein hingerotztes "Sorry" kannste haben, mehr ist nicht drin, Blödmannsgehilfe. Einen Teufel werde ich tun vor Dir zu Kreuze zu kriechen und Dich um Entschuldigung zu bitten. Ich mache mich klein, weil ich es schon bin. Pah!Puh. Wem würde nicht vergeben, der ernsthaft um Vergebung bittet? Und meist tut's sogar ein kurzes, knackiges Sorry.

F – Feiern

Höflichkeit zeigt sich in der Gemeinschaft. Wenn alle zusammenkommen, dann wird es bunt. Da blüht das Miteinander so richtig auf! Manchmal auch anstrengend, meist schön. Wenn alle ihren Teil dazu beitragen und wenige sich zu wichtig nehmen.Gute Gastgeber und Gäste geben der Höflichkeit ein Gesicht. Wer Feste zusammen feiert, nimmt's im Alltag lockerer. Ob unter Nachbarn, Kollegen oder Vorgesetzten, Alten, Jungen, Aufgedrehten und Verschlossenen.

G – Großzügigkeit

Die beste Gelegenheit sich in der Seele eine anderen einen Ehrenplatz zu sichern, ist es die großen Züge zu machen und das Kleingeistige zu unterlassen. Damit sind nicht nur großzügige Trinkgelder und Geschenke gemeint, sondern die Liebe für große Muster und die Abneigung gegen Kleinkariertheiten. Auf in den Kampf gegen Goldwaagen! Freiheit für gerade Fünfen! Portemonnaies und Herzen auf!

H – Humor

Von Christian Morgenstern stammt der tolle Satz: "Humor ist die Betrachtung des Endlichen vom Standpunkt des Unendlichen." Wer über sich selbst lauter lacht als über andere, wer keine schlechten Witze erzählt, aber über sie lacht, der hat seinen Morgenstern verstanden.Wenn endliche Menschen aufeinandertreffen, dann ist es nunmal unendlich komisch. Wohle denen, die trotzdem nicht trotzig sondern freudig lachen.

I – Irrtum

"Ich könnte mich auch irren!" So der Schlusssatz eines Freundes, der sich ich mit seinem Freund über Stunden die Köpfe heiss geredet hatte. Laut, leise, zuhörend, sprechend, beharrend, unterbrechend. Wie es halt zugeht, wenn es um was geht! Wenn die Kunst des Überzeugens und Überredens ganz nah beieinander liegen.So nah, dass es wehtut und Vernunft und Unvernunft Schwestern im Geiste werden, weil beide ihr Heil in der Vehemenz suchen und Wahrheit einfordern.Ein Hoch auf den Irrtum! Weil er so fürchterlich menschlich und sympathisch ist.

J – Jetztzeit

Unter die Menschen sollen wir uns mischen und mit der Zeit gehen. Das schrieb schon Adolph Freiherr Knigge: weil aus Nomaden schnell sozial Auffällige und aus Hipstern schnell Geronten werden. Den Zeitgeist aber auch nicht zu viel spuken lassen, weil neu nicht immer mega ist. Oder noch nie fremd geschämt beim Blick auf den eigenen Geschmack früherer Zeitgeiste?Weil früher nicht alles besser und heute auch nicht ist. Weil im Hier und jetzt entschieden wird, ob der Umgang mit Menschen gelingt. Nicht damals, nicht morgen, nicht im Wolkenkuckucksheim, nicht im Armageddon.

K – Kompliment

Ein Kompliment macht German Angst. Was will der, die von mir, meiner Frau und meinem Mann? Wir kritisieren lieber als Komplimente zu machen, fängt auch mit K an. Gut ist uns nicht gut genug. Voll des Lobes macht träge und eingebildet. Wenn Gutes, dann zuerst.Keine gute Nachricht ohne schlechte. So läuft das bei uns. Alles hat ein Ziel, auch ohne Zweck. Auf alles braucht es eine Antwort. Auf Kritik kann ich reagieren, mich ändern oder rechtfertigen, aber auf ein Kompliment? Was sagt man da?"Sie sehen toll aus!""Sie haben echt einen tollen Job gemacht!""Sehr mutig, Hut ab!" Da stehste dann deppert in der Gegend rum und kannst nix sagen: Ausser Danke.

L – Lächeln

CHEESE! Lächeln öffnet Herzen, ist gesund und sieht einfach besser aus. Der größte Zaubertrick: Anderen die Mundwinkel nach oben ziehen! Wenn wir lächeln, zaubern wir anderen ein Lächeln aufs Gesicht. Dafür muss ich weder Kaninchen durchsägen noch Frauen aus Zylindern zaubern. Bei lächelnden Menschen fühlen wir uns willkommen, ja geborgen.

Was ist das erste, was wir sehen, wenn wir auf die Welt kommen? …..Richtig, das Lächeln unserer Mutter. Sie lächelt. Und wir? Wir lächeln zurück. Das Ich - Mensch - Du - Mensch – Spiel beginnt! Und immer, wenn uns ein echtes Lächeln begegnet, lächeln wir zurück!

M – Machen

Machen ist wie Wollen nur krasser. Das gilt auch für Höflichkeit, Respekt, Wertschätzung& Co. Nicken und sich nicht angesprochen fühlen, is nicht. Wenn sich 9 von 10 Menschen mehr Achtsamkeit und Aufmerksamkeit wünschen, gibt's nur eine gute Fee: Uns selbst. Wer sich mehr von anderen wünscht, der sollte weniger mit dem Finger auf andere zeigen, sondern sich an die eigene Nase fassen. Heiligenschein ausknipsen und da anfangen, wo Du wirklich was bewegen kannst: In Deinem Glashaus.

N – Nachmachen

Schöne Begegnungen entstehen, wenn etwas unklar ist, wenn mindestens zwei nicht wissen, wie man einen Hummer knackt, wen man zuerst begrüsst und einander vorstellt. Ahnungslosigkeit schweißt zusammen, wenn man sie einander eingesteht und nicht so-tut-als-ob sondern seine Augen schärft und Ohren spitzt, was den die anderen so treiben.Abgucken und Nachmachen ist erlaubt, ja sogar geboten, wenn der Umgang mit Menschen gelingen soll

O – Orientieren

Der Situation angemessen handeln ist ein echtes Brett. Denn alle Situationen sprechen zu uns. Und wir müssen antworten. Manche sind einfacher: Wer ginge mit Schalke-Schal auf die Süd, wer in Nadelstreifen in die rote Flora? Wer duzt und maßregelt Vorgesetzte ungestraft? Wer bestellt einen Döner mit Schweinefleisch? Wer fährt 100 auf der Avus? Niemand! Und wenn er kommt, dann schütteln wir den Kopf!Andere Situationen drücken sich kompliziert aus oder nuscheln. Da verstehen wir nur Bahnhof! Da müssen wir genauer hinschauen. Da hilft nur gute Vorbereitung, Antennen für Zwischentöne, um lesen zu können, was auf und zwischen den Zeilen steht.Es übe sich, wer wissen will, wo der Hase herkommt, lang läuft und die Biege macht.

P – Perspektivwechsel

Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die Schönste im ganzen Land? Na, ICH, warum frage ich eigentlich so blöd! Alle reden von Empathie. Ein Schritt nach dem nächsten, bitte: Bevor ich mich in andere einfühlen kann, muss ich mich zunächst selbst fühlen. Mein Selbstbild malen und schützen. Ich und ich und dann Du. Aber kann ich alles glauben, was ich denke? Über mich? Über Dich?I'll walk a mile in your shoes und Du in meinen Mokassins, eiverstanden? Setz mal die Scheuklappen ab und ne andere Brille auf, dann sieht alles ganz anderes aus. Spieglein, Spieglein, sag' jetzt nix!

Q – Quatschen

Wir reden ja ohnehin ständig. Ob im Kopf oder mit dem Mund. Immer was los in der Rübe. Manches will raus, anderes nicht und vieles wäre lieber ein Gedanke geblieben. Schweigen ist Silber und Reden ist Gold! Wenn alle richtig mitmachen, dann haben alle oder keiner ne Frikadelle am Ohr. Ehrlich. Wenn Gespräche keine Selbstgespräche sind sondern jeder für jeden was mitgebracht hat. Brücken bauen zum gemeinsam Quatschen: Über Kleines . Großes, Wichtiges, Nebensächliches und groben Unfug. Laber nich, mach mal.

R – Raussteigern

Reinsteigern kann sich jeder. Raussteigern nicht! Raussteigern ist die Königsdisziplin im Umgang mit unseren Affekten, die uns aus der Nase rumtanzen. Die alle Sicherungen durchknallen lassen, bei denen wir uns vergessen und nicht mehr Herr unserer Sinn sind!Nicht Halt-mal-die Luft an, sondern drei mal tief durchatmen. Pause machen, Thema wechseln, eine Runde um den Block gehen, Eiswürfel in den Nacken oder ein Glas heisse Milch mit Honig trinken bevor man sich noch total in Rage redet. Was heisst hier bevor?Spüren, wenn die kleinen Quälgeister den Nacken hochkriechen und versuchen uns zum Affen machen und runter und klar kommen. Selbstbeherrschung rules.

S – Sprezzatura

Sprezzatura, das heisst: Schöne Dinge schön tun. Nicht mit rollenden Augen seinen Sitzplatz in der Bahn für die Generation Rollator räumen, sondern mit einem Lächeln auf den Lippen anbieten, als sei es das Selbstverständlichste der Welt. Sprezzatura, das heisst: sich die Mühe machen, mühelos zu wirken. Als sei da keine Trägheit, die einen hoffen lässt, der höfliche Kelch möge an einem vorüber gehen. Als sei da die Lust ihn auf ex zu leeren: Klar stehe ich auf, um andere zu begrüßen, klar helfe ich den Tisch abzuräumen, klar habe ich die Minute mehr, um die Tür aufzuhalten, klar gehe ich einen Schritt zur Seite, ohne, dass mich jemand darauf hinweisen muss. Weil Kultur zu meiner zweiten Natur geworden ist.

T – Tischmanieren

Am Tisch kommen die Menschen zusammen. Der Tisch ist das Symbol für Gemeinschaft. Am Tisch feierte Jesus das Abendmahl mit seinen Jüngern, versammelte König Artus die Ritter der Tafelrunde und erst am runden Tisch wurde die Deutsche Demokratische Republik demokratisch. Zusammen essen, trinken, reden, streiten, verstehen und lachen. Das alles findet am Tisch statt. Das mag der Tisch. Er mag es auch, wenn Menschen wissen wohin mit Besteck und Serviette, wenn Menschen mit dem Essen warten bis alle haben, nicht in sich hineinschaufeln und erst essen und dann sprechen. Tischsitten gehören schon dazu. Aber solange Menschen sich begegnen, ist der Tisch nicht streng und kann gut damit leben, wenn einer seiner Glas nicht am Stil fasst und nicht weiss, was die Bröckchen-Flöckchen-Regel ist.

U – Überflüssigkeitserklärung

Danke – Keine Ursache, da nich für, gern geschehen, jederzeit!Diese Spielart der zwischenmenschlichen Kommunikation nennt man: konventionelle Überflüssigkeitserklärung. Wir erklären etwas für überflüssig, was nicht überflüssig ist: Den Dank eines anderen Menschen.Hört sich theoretischer an, als es ist. Erklären wir doch ständig das wertschätzende Handeln anderer für überflüssig, um unseren Mitmenschen auf diese Art Dank zu zollen und zu sagen: Coole Aktion, ist angekommen, maximum respect. Wer anderen die Gelegenheit gibt, etwas für überflüssig zu erklären, das nicht überflüssig ist und wer die Gelegenheit freudig ergreift, der hat das Wesen der Höflichkeit verstanden, weil er es zum Leben erweckt.

V – Verzeihen

Wer verzeiht, löst Verkrampfungen, die unlösbar schienen, weil er etwas in Bewegung setzt, wo Stillstand best case war und die Abwärtsspirale als einzig Bewegung erschien.Verzeihen ist im höchsten Maße freiwillig. Niemand muss eine Entschuldigung annehmen, aber alle die ich kenne, die es taten berichten von der befreienden Kraft, die einer Versöhnung innewohnt. Verzeihen tut gut.

W – Wohlwollen

Wohlwollen entsteht aus der Einsicht, dass vieles im Miteinander zum Gegeneinander wird, wenn jeder meint zu wissen, wie die Dinge nun mal sind. Das Blöde an den Dingen: Die Dinge sind meistens nicht nur so, weil jeder von uns mit seiner Brille auf diese Welt und die Menschen guckt. Trotzdem glauben und handeln wir, als seien wir der allwissende Erzähler des Umgangs mit Menschen. Aber das stimmt nicht. Wir sind ein Erzähler unter vielen, wir erfinden Geschichten über uns und andere. Wohlwollen, das heisst: solche Geschichten zu erzählen, die Begegnungen gelingen lassen. So ein bißchen wie Pippi Langstrumpf: Malen wir uns doch die Welt, so dass sie uns (allen) gefällt.

X – Xylophon

Das Xylophon hat absolut nichts mit dem Umgang mit Menschen zu tun. Fängt aber mit X an.

Y – Yes

Yes, das heisst JA statt NEIN. Das heisst: Mut zum Positiven, nicht Feigheit vor dem Negativen. Klar gibt es Deppen, Idioten und Miesepeter. Die einen unterbrechen, nur von sich selber reden, die unaufmerksam und egozentrisch sind, die sich benehmen als seien sie vom Stamme Nimm oder die Axt im Walde. Aber es gibt auch die anderen: die Freundlichen und Zuvorkommenden, die Hilfsbereiten, die Zuhörer und Nachfrager. Die sich für uns interessieren, bei denen wir uns wohlfühlen, weil sie noch an etwas anderes denken können als an sich selbst. YES, das heisst: Auch gute Nachrichten sind gute Nachrichten.

Z – Zuhören

Zuhören können. Das mögen wir. Weil wir gerne gehört würden. So wie alle anderen.

Weil wir was zu sagen haben, wünscht sich jeder offene Mund offene Ohren.

Für unsere Sicht auf uns, die anderen und die Welt

Weil wir schon so vieles gehört haben, reden wir lieber selbst und versuchen uns Gehör zu verschaffen. Weil wir sowieso wissen, was andere sagen wollen, hören wir nicht mehr hin.

Weil das Gelaber anderer tote Sheriffe interessiert, grätschen wir dazwischen.

Weil wir keine Lust auf Frikadellen am Ohr haben, machen wir andere zum Publikum.

Und erzählen lieber das, was wir gerne hören: unsere eigenen Heldengeschichten.

In unserem Kopfkino laufen die Filme, die auf die große Leinwände müssen.

Zuhören ist schwer: Sich auf die anderen zu konzentrieren, um zu erfahren, was sie uns warum wie sagen. Aaaanstrengend.

Zuhören, das ist die Mühe zu übersetzen und nicht seinen eigenen Roman zu schreiben. Mühhhsaaaam.

Zuhören, das heisst: Anknüpfungspunkte zu finden, Blickkontakt zu halten, Verständnis zu entwickeln, Fragen zu stellen, sich zurückzuhalten und dennoch maximal präsent zu sein.

Alter Schweeede.

Zuhören: Das muss man echt wollen.

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Gestatten, Knigge.

Schon Adolph Freiherr Knigge wusste: ohne Handkuss kommt man gut durchs Leben. Ohne einander nicht. Meine Mission? Miteinander mehr möglich machen.